Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es hunderte von Schtetlech in Polen. Was wäre gewesen, wenn es eines davon geschafft hätte, den mörderischen Klauen der Nazis zu entgehen — ein Schtetl, das nach jahrzehntelanger Isolation erst im Hier und Jetzt zufällig wiederentdeckt wird?
Mit diesem Szenario beschäftigt sich Max Gross in seinem ebenso mitreißenden wie unterhaltsamen Debütroman The Lost Shtetl

Kreskol liegt schwer zugänglich inmitten der polnischen Wälder. Früher hatten die Einwohner dieser jüdischen Kleinstadt Handel mit den umliegenden Siedlungen getrieben. Aus verschiedenen Gründen — nicht zuletzt wegen der beschwerlichen und nicht ganz ungefährlichen Anreise durch den dichten Wald — ist der Handel jedoch erst weniger geworden und schließlich ganz zum Erliegen gekommen. Kreskol fing an, sich selbst zu versorgen, und die umliegenden Gemeinden hatten das Schtetl nach zwei bis drei Generationen vergessen.

Die Kriege und Schrecken des 20. Jahrhunderts gingen an dem isolierten Städtchen unbemerkt vorbei. Die Einwohner sprechen wie eh und je Jiddisch und überhaupt scheint die Zeit in Kreskol stehengeblieben zu sein.

All das ändert sich jedoch nach einem heftigen Ehestreit zwischen Pesha und Ishmael Lindauer, der eine wahre Kettenreaktion an Ereignissen auslöst: Pesha verschwindet spurlos und Ishmael, der verdächtigt wird, seiner Frau etwas angetan zu haben, ist einen Tag später auch nicht mehr aufzufinden. Kreskols Rabbiner schickt den Bäckergehilfen Yankel Lewinkopf auf die lange Reise durch die Wälder zur nächsten Stadt, um die Behörden über die Geschehnisse in Kenntnis zu setzen.

Dies ist der Beginn einer langen Odysee für Yankel, der nun Kontakt zu den polnischen Behörden aufzunehmen versucht, um ihnen zu erklären, was sich in seiner Heimstadt Kreskol zugetragen hat. Der Umstand, dass Yankel nur ein paar Brocken Polnisch spricht und die Behörden nichts von der Existenz einer Gemeinde namens Kreskol wissen, führt zu Missverständnissen und einer Reihe von Verwicklungen.

Mit Missverständnissen und Verwicklungen werden auch die beiden anderen Hauptpersonen des Romans, Pesha und Ishmael, konfrontiert.
Der Leser verfolgt das Schicksal der drei Hauptpersonen, das zum einen von einer komplizierten Liebesgeschichte und zum anderen von der schwierigen Anpassung an die neue Realität außerhalb des Schtetls bestimmt wird.

Kreskol hat nach seiner Wiederentdeckung ebenso mit Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen. Die Einwohner des Schtetls müssen die Nachricht über den Holocaust und die Gründung Israels an einem Nachmittag verdauen. Diese plötzliche Konfrontation mit der Geschichte der letzten Jahrzehnte und mit der neuen Realität spaltet die Kleinstadt in zwei Lager: Die eine Gruppe lässt sich auf das Neue und die damit einhergehenden Möglichkeiten ein, während sich die andere zurückzieht und jeglicher Neuerung verweigert. 

Aber die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Kreskols Entwicklung nimmt eine Eigendynamik an, die sich anscheinend nicht mehr stoppen lässt. Oder sollte es doch eine Möglichkeit geben?

Max Gross, der viele Jahre als Journalist für The Forward und New York Post tätig gewesen ist, hat 12 Jahre an dem Material zu The Lost Shtetl gearbeitet. Das Ergebnis ist ein unterhaltendes und spannendes, aber auch ein herausforderndes und nachdenklich stimmendes Leseerlebnis. Sehr empfehlenswert ist auch das Hörbuch, eingelesen von Steven Jay Cohen.


Titel: The Lost Shtetl

Autor: Max Gross

Herausgeber: HarperCollins

Sprache: Englisch

Jahr der Veröffentlichung: 2020

Preis: 21 EUR