Für Buchliebhaber war 2020 ein ergiebiges Jahr. In der nayes&נײַעס-Redaktion haben die folgenden fünf Publikationen* einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen:

  1. Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger
  2. Masel tov von J. S. Margot
  3. The Lost Shtetl von Max Gross
  4. Marriage of Opposites von Alice Hoffman
  5. Harry Potter un der filosofisher shteyn von J. K. Rowling

* Wir haben das Bücherjahr 2020 in erster Linie mit der dänischen bzw. englischen Lesebrille auf der Nase verfolgt. Alle Bücher in unserer Top 5 wurden 2020 also entweder in dänischer Übersetzung oder in der Originalfassung veröffentlicht. Die deutschen Ausgaben der beiden erstplatzierten Bücher sind bereits vor 2020 erschienen — was aber den Lesespaß nicht schmälern sollte.

Nachstehend stellen wir unsere Top 5 kurz vor.


1) Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger (Eichborn Verlag):
Roman über die norwegisch-jüdische Familie Komissar und den Nazi-Kollaborateur Henry Rinnan

Ein Stolpertstein auf einem Bürgersteig in Trondheim und die Frage des Sohnes, warum der Mann, dessen Name auf der quadratischen Messingplatte eingraviert ist, während des Krieges festgenommen und ermordet wurde, waren der Ausgangspunkt für Simon Strangers Roman Vergesst unsere Namen nicht. Der Mann hieß Hirsch Komissar und war der Ururgroßvater des Jungen. Warum wurde er im Gefangenenlager Falstad interniert und einige Monate später erschossen? Diese Fragen setzten eine mehrjährige Recherche über die Geschichte der Familie Komissar in Gang, die — wie sich zeigen sollte — mit dem Schicksal Henry Rinnans verbunden ist — einem der berüchtigsten Nazi-Schergen Norwegens.

In seinem dokumentarischen Roman webt Simon Stranger die Geschichten der Familie Komissar und Henry Rinnans zu einer groß angelegten Erzählung zusammen. Er schafft einen literarischen Stolperstein, der wie der Stolperstein vor dem ehemaligen Wohnhaus von Hirsch Komissar dafür sorgen soll, dass sein Name nicht in Vergessenheit gerät, sondern weiterlebt — ganz im Sinne der jüdischen Tradition, wonach ein Mensch erst dann wirklich verschwunden ist, wenn sein Name zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird.

Vergesst unsere Namen nicht (deutsche Übersetzung von Thorsten Alms) wurde in über 20 Sprachen übertragen und in Norwegen unter anderem mit dem Buchhändlerpreis ausgezeichnet.


2) Masel tov von J. S. Margot (Piper):
Meine ungewöhnliche Freundschaft mit einer jüdisch-orthodoxen Familie (Deutsch von Christiane Burkhardt)

2017 veröffentlichte die flämische Verfasserin und Journalistin Margot Vanderstraeten unter dem Pseudonym J. S. Margot den autobiografischen Roman Masel tov — ein persönlicher Bericht über ihre Erfahrungen som Privatlehrerin bei einer jüdisch-orthodoxen Familie in Antwerpens Diamentenviertel. Das Buch war ein großer Erfolg in Belgien und den Niederlanden, wo es mit dem Preis für das beste religiöse Buch 2017 bzw. mit dem E. du Perron-Preis für Beiträge zur interkulturellen Verständigung ausgezeichnet wurde. Rasch wurden die Übersetzungsrechte nach Deutschland, Polen, Ungarn und Tschechien verkauft. 2020 erschien die englische Übersetzung: Mazel tov — The Story of my Extraordinary Friendship with an Orthodox Jewish Family (Pushkin Press).

Deborah Feldman, Autorin des Bestsellers Unorthodox, schrieb über Margot Vanderstraetens Roman:
Masel tov erforscht die Vertrautheit im Fremden und das Fremde in uns selbst. Ein außergewöhnliches Buch, mutig und humorvoll zugleich.“


3) The Lost Shtetl von Max Gross (HarperCollins):
Schicksal einer vergessenen jüdischen Stadt

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es hunderte von Schtetlech in Polen. Was wäre gewesen, wenn es eines davon geschafft hätte, den mörderischen Klauen der Nazis zu entgehen — ein Schtetl, das nach jahrzehntelanger Isolation erst im Hier und Jetzt zufällig wiederentdeckt wird?

Mit diesem Szenario beschäftigt sich Max Gross in seinem ebenso mitreißenden wie unterhaltsamen Debütroman The Lost Shtetl

Max Gross, der viele Jahre als Journalist für The Forward und New York Post tätig gewesen ist, hat 12 Jahre an dem Material zu The Lost Shtetl gearbeitet. Das Ergebnis ist ein unterhaltendes und spannendes, aber auch ein herausforderndes und nachdenklich stimmendes Leseerlebnis. Sehr empfehlenswert ist auch das Hörbuch, eingelesen von Steven Jay Cohen.


4) The Marriage of Opposites von Alice Hoffman (Simon & Schuster):
Roman über den Maler Camille Pissarro und die sefardische Gemeinschaft auf Saint Thomas

Camille Pissarro war einer der bedeutendsten Maler des Impressionismus. Den Großteil seines Lebens verbrachte er in Frankreich. Das Licht der Welt erblickte er jedoch auf Saint Thomas in Dänisch-Westindien, wo er als Jacob Abraham Camille Pizzarro in der jüdischen Gemeinschaft aufwuchs.

Diesen weniger bekannten Teil aus Pissaros Leben beleuchtet die Autorin Alice Hoffman in ihrem Roman The Marriage of Opposites. Sie macht aus einer Fülle an historischen und biografischen Fakten, sefardischer Familiengeschichte, Naturbeschreibungen, Legenden aus der Karibik und Liebesgeschichten einen ganz besonderen literarischen Sommercocktail. 


5) Harry Potter un der filosofisher shteyn von J. K. Rowling (Olniansky Tekst):
Harry Potter auf Jiddisch

J. K. Rowlings Fantasy-Reihe über den Zauberschüler Harry Potter gehört zu den erfolgreichsten Buchserien aller Zeiten. Sie wurde in über 80 Sprachen übertragen und ist mithin eines der meistübersetzten Werke überhaupt. 2020 ist eine weitere Übersetzung hinzugekommen:

Harry Potter un der filosofisher shteynHarry Potter und der Stein der Weisen auf Jiddisch.

„Wir wollen den Leuten gerne eine moderne und spannende Möglichkeit an die Hand geben, sich mit der jiddischen Sprache zu beschäftigen, und gleichzeitig für mehr Freude am Jiddisch-Studium sorgen“, so der Übersetzer Arun Schaechter Viswanath.

Auf Jiddisch-Liebhaber wartet in jedem Fall ein vielseitiges und unterhaltsames Leseerlebnis.