Jessica Kirzane, Chefredakteurin der Fachzeitschrift In geveb, hat kürzlich eine Erzählung vorgelegt, in der sie ihrem kleinen Sohn ihre Leidenschaft für die jiddische Sprache und Kultur erklärt. Einfühlsam schildert sie darin die Dankbarkeit und den Stolz, die sie erfüllen, wenn sie jiddische Texte übersetzt und somit einem größeren Publikum zugänglich macht.

Mit Erlaubnis der Autorin veröffentlichen wir hier auf nayes & נייִעס eine deutsche und eine dänische Übersetzung dieser Kurzgeschichte — wunderbar illustriert von Paula Cohen.


Die goldene Kette: Eine Erzählung für Kinder
von Jessica Kirzane

EINLEITUNG

„Mama, was ist eigentlich deine Superkraft?“, fragte mich einmal mein dreijähriger Sohn, als wir gerade im Auto unterwegs waren und über Superhelden sprachen. Ich dachte kurz nach und gab dann zurück: „Ich kann jiddische Wörter in englische Wörter verwandeln.” Die Antwort schien ihm zu gefallen. Zuhause lachten mein Mann und ich über die Episode. 

Danach ließ mich aber die Idee nicht mehr los, etwas Magisches in die Übersetzungsarbeit zu bringen — eine Arbeit, die ich so bedeutsam finde und die für mich sowohl spirituell als auch intellektuell eine wichtige Rolle spielt.

Ich habe diese Geschichte geschrieben, um die Magie des Übersetzens hochleben zu lassen.

Ich habe sie auch geschrieben, weil ich das Bedürfnis nach einer Geschichte wie dieser über eine Familie wie die meine hatte. Ich empfinde tiefen Respekt und große Bewunderung für Eltern, die außerhalb der chassidischen Gemeinschaft ihre Kinder mit Jiddisch großziehen. Ich weiß, wie schwierig es ist, Bücher und Lernressourcen auf Jiddisch zu finden und andere jiddischsprechende Kinder zu treffen und so ein soziales Umfeld in dieser Sprache zu schaffen. Ich habe einen anderen Weg gewählt.

In Jiddischisten-Kreisen schäme ich mich manchmal dafür, dass ich meine Kinder nicht auf Jiddisch großziehe. Und ich kann gut nachvollziehen, dass manche darin eine verpasste Chance sehen, wenn ein Jiddisch-Sprecher wie ich die Sprache nicht an seine Kinder weitergibt. Eine Freundin von mir — ebenfalls eine Jiddisch-Sprecherin, die mit ihren Kindern nicht auf Jiddisch spricht — ermahnte mich einmal, dass ich mein hartes Selbsturteil und meine Beklommenheit über diese Entscheidung loslassen und vielmehr stolz über das sein sollte, was ich meinen Kindern beibringe und mitgebe, indem ich mein Leben und meine Arbeit dieser Sprache widme: nämlich die Botschaft, dass Jiddisch etwas ist, das größten Respekt verdient und das ich liebe.

Ich habe diese Geschichte also auch geschrieben, um diesem Stolz Ausdruck zu verleihen.


Illus­tra­tion: Paula Cohen (https://​paula​co​he​nil​lus​tra​tion​.com)


Ezra liebte Bücher. Das Regal in seinem Schlafzimmer quoll förmlich über: Bücher in jeder Form und Größe. Es stand da eine wuchtige, dicke Enzyklopädie über Dinosaurier, ein klobiges Tast- und Fühlbuch mit flauschigen Tieren, ein Lesefuchs-Buch mit großen Buchstaben und riesigen Abenteuern — und ein leeres Notizbuch, das Ezra mit seinen eigenen Ideen füllen konnte. Ezra nahm gern die Bücher aus dem Regal und blätterte darin, ließ die Wörter über die Lippen rollen oder erfand Geschichten, die zu den Bildern passten. Er liebte es, wie die Seiten knackten und raschelten, wenn man schnell umblätterte, oder das dumpfe Geräusch, mit dem sich ein gebundenes Buch schloss. Besonders mochte er die Formen der Buchstaben, die gleichmäßig und geradlinig wie emsige Arbeiter über die Seiten huschten.

Auch Ezras Mutter liebte Bücher. Sie stapelten sich neben ihrem Bett und auf ihrem Schreibtisch. Sie lagen im Wohnzimmer neben ihrem Lieblingslesesessel und auch in ihrer Handtasche war immer ein Exemplar, für den Fall, dass sie unterwegs Zeit zum Lesen haben sollte. Sogar in der Küche gab es welche, damit sie lesen konnte, während das Abendessen vor sich hin köchelte.

Aber einige von Mamas Büchern waren Ezra fremd. Es waren gebundene Bücher mit alten Stoffbezügen und vergilbten Seiten. Ihre Vorderseite war dort, wo man eigentlich die Rückseite erwartete, und man fing mit dem Lesen an der Stelle an, wo man bei anderen Büchern am Ende angekommen war. Die Buchstaben in diesen Büchern erinnerten an fette Quadrate mit Zeichen darüber und darunter.

Eines Tages kam Ezra in Mamas Büro und fragte sie nach diesen merkwürdigen Büchern. „Die sind auf Jiddisch“, erklärte sie und legte ihr Notizbuch beiseite, damit sie ihn direkt ansehen konnte.

Ezra hatte Mama schon zuvor über Jiddisch sprechen hören, aber er wusste nicht, warum sie all diese seltsam klingenden Wörter so mochte oder warum sie so viel Zeit mit diesen Buchstaben verbrachte, die ganz anders aussahen als die, die er in der Schule lernte. „Was ist Jiddisch?“, fragte Ezra.

Mama hob Ezra zu sich auf den Schoß und antwortete langsam und bedacht, wie sie es immer tat, wenn sie etwas erklärte. „Jiddisch ist eine Sprache, die viele Juden seit mehr als tausend Jahren sprechen. Es hat seine eigenen Buchstaben und seine eigenen Wörter“, sagte Mama und zeigte auf die fettgedruckten Buchstaben in dem Buch, das offen auf ihrem Schreibtisch lag. „Es ist eine Sprache voller interessanter Gefühle und Gedanken.“

Ezra lehnte seinen Kopf auf Mamas Schulter und fing an, ihr Haar um seinen Finger zu drehen. „Warum liest du jiddische Geschichten?“, fragte er.

Mama lächelte. „Ich liebe jiddische Geschichten, weil es in vielen von ihnen um Menschen geht, die versuchen, die Welt zu verstehen — eine Welt, die sich gerade verändert. Manchmal schreiben sie in einer Zeit, die beängstigend oder sogar gefährlich ist, aber sie schreiben trotzdem, weil sie hoffen, dass sich eines Tages jemand dafür interessiert und liest, was sie mitzuteilen haben.“

Mama hob Ezra von ihrem Schoß und setzte ihn auf den Boden. Sie nahm das Buch von ihrem Schreibtisch und reichte es ihm. Ezra ließ seine Hand über den straffen Stoffbezug und die Rillen fahren, wo der Titel mit dekorativen Schnörkeln aufgeprägt war. Mama fuhr fort: „Wenn ich ein jiddisches Buch lese, habe ich das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun. Ich musste hart arbeiten, um die jiddische Sprache zu erlernen, und ich kenne nicht viele Leute, die diese Bücher verstehen können. Deshalb macht mich das Lesen jiddischer Texte dankbar und stolz.“

Ezra hörte seiner Mutter gespannt zu. Vielleicht waren jiddische Bücher also eine ganz neue Art von Büchern, die er noch nicht entdeckt hatte. Er schlug das Buch auf und spähte hinein. Aber was er da sah, machte ihn traurig. „Aber Mama“, seufzte er, „ich kann kein Jiddisch verstehen. Wie kann ich deine wichtigen Bücher dann lesen?“

Mit einem Augenzwinkern setzte sich Mama neben Ezra und legte ihre Hand auf seine. „Dieses Buch ist von einer Frau namens Kadya Molodovsky. Sie schrieb Gedichte für Kinder und Erwachsene“, erklärte sie. „Kadya war Lehrerin und Schriftstellerin. Für sie war die jiddische Sprache kostbar und sie meinte, die Leute sollten darauf Acht geben und sie gut pflegen.“ Mama las vor:

עפֿנט דעם טױער, עפֿנט אים ברײטEfnt dem toyer, efnt im breyt
עס װאָלט דאָרכגײן אַ גאָלדען קײטEs vet dorkhgeyn a golden keyt:
דער טאַטעDer tate,
די מאַמעDi mame, 
דער ברודערDer bruder,
די שװעסטערDi shvester,
חתן-כּלה אינמיטןKhosn-kale inmitn
אױף אַ גאָלדענעם שליטןOyf a goldenem shlitn.

Während Mama vorlas, war es, als ob der Raum im Schimmer des Lampenlichts zitterte. Ezras Augen weiteten sich. Er sah, wie die Buchstaben aus dem Buch emporstiegen und in der Luft schwebten. Pechschwarz waren sie, funkelnd und schimmernd wirbelten sie vor seinen Augen umher. Mama lächelte Ezra an. „Möchtest du wissen, was es auf Deutsch bedeutet?“, fragte sie. Ezra nickte.

Öffnet die Tore, öffnet sie weit

Einer goldenen Kette gebt Geleit

Vater

Mutter

Bruder

Schwester

Bräutigam und Braut inmitten

Auf einem goldenen Schlitten.

Während Mama sprach, stellten sich die jiddischen Buchstaben wie Passagiere eines Schiffes auf, die sich bereit machten, von Bord zu gehen. Dann drehten und wendeten sie sich, veränderten ihre Form und flogen einer nach dem anderen auf die Seiten des Notizbuchs, das auf Mamas Schreibtisch lag. Ezra legte Mamas jiddisches Buch vorsichtig neben sich auf den Boden und sprang auf, um in ihr Notizbuch zu sehen. Ihm stockte der Atem. Die jiddischen Buchstaben hatten sich in englische verwandelt, geschrieben in der Handschrift seiner Mutter.

„Darf ich das Buch anfassen?“, fragte er.

„Natürlich“, sagte Mama. „Es ist jetzt dein Buch. Was du da siehst, ist eine Übersetzung. Es sind immer noch die Worte, die Kadya geschrieben hat, aber es sind auch meine Worte. Nun kannst du Kadyas Buch also genauso lesen, wie ich es gelesen habe. Auch wenn du kein Jiddisch verstehst, kannst du jetzt meine geliebten jiddischen Geschichten genießen.”

Ezra nahm das Notizbuch in die eine Hand und das jiddische Buch in die andere und blickte von einem zum anderen. Hier die Zeilen mit fettgedruckten jiddischen Buchstaben, dort die vertrauten englischen Buchstaben in Mamas geschwungener Handschrift. Er fand beides wunderschön.
Er reichte das jiddische Buch seiner Mama, die es wieder auf ihren Schreibtisch legte, und ging in sein Zimmer. Mamas Notizbuch bekam einen Platz neben den anderen Büchern in seinem Regal. Er hoffte sehr, dass Mama ihm vor dem Schlafengehen daraus vorlesen würde.


Quellenangabe:

Kirzane, Jessica. “The Golden Chain: A Children’s Story.” In geveb, November 2020: https://ingeveb.org/blog/the-golden-chain-a-childrens-story.
Deutsche Übersetzung: F. Gabel (erstmals veröffentlicht im Januar 2021 auf nayes.news).

Über die Autorin:

Jessica Kirzane ist Dozentin für Jiddisch an der Universität von Chicago. Sie hat an der Columbia Universität im Fach Jiddische Studien promoviert. Sie ist Chefredakteurin der Fachzeitschrift „In geveb: A Journal of Yiddish Studies“.