Zum Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ organisiert die Salomo-Birnbaum-Gesellschaft eine Reihe von Vorträgen und Veranstaltungen rund um das Thema „Jiddisches Leben in Hamburg“. Der nachstehende Artikel stammt aus der Feder der Gesellschaftsmitglieder Inge Mandos, Renate Gültzow und Marcel Seidel und wurde im Forverts publiziert. 
nayes&נײַעס veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autoren eine deutsche und dänische Übersetzung.


Jiddisch in Hamburg

Von Inge Mandos, Renate Gültzow und Marcel Seidel

Fragt man in Hamburg nach Jiddisch, erntet man meist ein Achselzucken und die Antwort, dass die einzigen Juden in Hamburg assimilierte Juden waren, die fließend Deutsch und vielleicht noch Hebräisch sprachen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwähnte die lokale Presse jedoch häufig das sogenannte „Ostjudenproblem“ unter den assimilierten Juden in Hamburg — die Befürchtung, dass die „Rückständigkeit“ der neu angekommenen Einwanderer, der Ostjuden, dem eigenen Ruf bei den Deutschen schaden könnte. Etwas Ähnliches war bereits im 16. Jahrhundert zu beobachten gewesen, als Hamburg die „reichen“ spanischen Juden, die Sephardim, nur wegen ihrer Handelsbeziehungen mit Südamerika akzeptierte. Die Aschkenasim mussten sich indes in Altona niederlassen. Von der Sprache dieser „armen Verwandten“, der Ostjuden, liest man kaum etwas.

Stellt sich also die Frage, ob in Hamburg wirklich Jiddisch gesprochen wurde.

Jüdische Einwanderung nach Hamburg und Altona

Während der durch Pogrome im zaristischen Russland ausgelösten ersten Welle jüdischer Immigration in den 1880er-Jahren kamen etwa 10 000 Juden nach Deutschland. Spätere Einwanderungswellen wurden durch den Ersten Weltkrieg verursacht, in dessen Folge Polen und polnische Juden angeworben bzw. sogar deportiert wurden, um in der Kriegsindustrie zu arbeiten.

In den 1920er-Jahren flohen viele Juden vor der Wirtschaftskrise und dem wachsenden Antisemitismus aus der jungen Sowjetunion. Die meisten von ihnen zogen nach New York, einige ließen sich aber auch in Hamburg nieder. Von diesen Einwanderern, die in der Regel Jiddisch sprachen, lassen sich hier und da Erinnerungen finden.

Verglichen mit der Gesamtbevölkerung der Stadt war die Zahl der Jiddischsprechenden eher gering, aber keineswegs zu übersehen. Für die meisten Hamburger Juden war Jiddisch allerdings nichts anderes als ein „Jargon“, für den man sich schämen musste. Die Vertreter der jüdischen Aufklärungsbewegung Haskalah, die sogenannten Maskilim, betrachteten Jiddisch als „Dienstmädchen“ — eine Sprache des einfachen Volkes, die nicht an die moderne Welt, nicht an die Wissenschaft angepasst war. Assimilierte Juden wollten oft nichts von ihren osteuropäischen Wurzeln wissen, und die Zionisten kämpften energisch für ihre neue „Geliebte“ — das Hebräische. Die jiddische Aussprache wurde später von den Nazis auch als Mittel missbraucht, sich über die Juden lustig zu machen.

Aus all diesen Gründen hat die breite Öffentlichkeit in Deutschland den Reichtum der ostjüdischen Kultur nicht wertgeschätzt, und die jiddische Sprache wurde von den meisten Menschen nicht nur in Hamburg, sondern in ganz Deutschland vergessen.

Grindelviertel — Hamburgs früheres „Klein-Jerusalem“

Die Geschichte der jiddischsprachigen Siedlung in Hamburg ist vielseitig. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es im heutigen Hamburg (damals Hamburg und Altona) drei Stadtteile mit ostjüdischem Charakter. Die Wohltätigkeitsorganisation „Adas Jeschorim“ befand sich in der Kielortallee. In der Wohlers Allee half eine zweite Organisation, „Ahavat Torah”, den bedürftigen Juden, und das Grindelviertel („Grindel“) war weithin als „Klein-Jerusalem“ bekannt.

In diesem Viertel mit der Großen Synagoge am Bornplatz, der Talmud-Tora-Realschule und dem Jüdischen Kulturzentrum Henry Jones lebten in den 1920er-Jahren fast 20 Prozent aller Hamburger Juden. Jüdische Buchhandlungen, koschere Imbissstände, Werkstätten und Lehrhäuser bestimmten das Straßenbild.

Die osteuropäischen Juden im Grindel erregten bisweilen das Interesse bestimmter deutsch-jüdischer Kreise, und zwar insbesondere der Jugend. Während der Zeit der Emanzipation und Assimilation interessierten sich einige Juden für ihre osteuropäischen Wurzeln und wollten mehr darüber in Erfahrung bringen. Dieses Ziel hatte sich auch die Gesellschaft für jüdische Ethnographie in Hamburg gesetzt. In ihrer Publikation veröffentlichte die Gesellschaft eine Reihe wissenschaftlicher Artikel zur osteuropäischen jüdischen Kultur, die zahlreiche Zitate auf Jiddisch enthielten.

Jiddisch an der Universität, auf der Straße und auf der Elbinsel Veddel

Im Grindelviertel lebte und arbeitete von 1922 bis 1933 auch der Orientalist und Jiddischist Dr. Salomo Birnbaum, der an der Universität Hamburg Jiddisch lehrte.

Aber nicht nur an der Universität wurde Jiddisch gesprochen, sondern auch auf der Straße unter den einfachen Leuten, unter den Kindern und Jugendlichen in Hamburg und Altona. Die deutschen Juden, die in Wohltätigkeitsorganisationen arbeiteten, mussten mit den osteuropäischen Juden, die Hilfe brauchten, auf Jiddisch kommunizieren. Und als die „Hawa Naschira”, das Liederbuch der Talmud-Tora-Realschule, zusammengestellt wurde, wurden 195 Lieder gesammelt, 110 davon auf Hebräisch, 72 auf Deutsch und immerhin 23 auf Jiddisch.

Aber auch jenseits der oben genannten Stadtteile war Jiddisch zu hören: 1892 begann die Reederei Hapag auf der Elbinsel Veddel mit der Errichtung von Unterkünften für Auswanderer. Die sogenannte „Ballinstadt” entstand, benannt nach dem Generaldirektor der Hapag, Albert Ballin, der selbst assimilierter Jude war. Für die jüdischen Auswanderer wurde eine eigene Synagoge eingerichtet und koscheres Essen zubereitet. In Ballinstadt wurden die Auswanderer zunächst isoliert und bewacht. Zum einen sollte so der Verbreitung von Krankheiten vorgebeugt werden, zum anderen galt es auch, die Dokumente für die lange Reise überprüfen zu lassen.

Hamburgs jiddische Schriftsteller: Der Nister und Leib Kwitko

Auch die bekannten Schriftsteller Der Nister und Leib Kwitko lebten einige Zeit in Hamburg, wo sie im Hafen arbeiteten. Leib Kwitko gilt als bedeutender Hamburger Autor. Von 1922 bis 1926 schrieb er farbige, eindringliche Porträts der Stadt. Seine Geschichten aus dem Zyklus „Riogrander fel“ (ukrainischer Verlag, 1928) veranschaulichen kaleidoskopartig viele Details des gesellschaftlichen und politischen Lebens in Hamburg.

Die Antwort auf die einleitende Frage, ob in Hamburg Jiddisch gesprochen wurde, ist also mit einem klaren Ja zu beantworten. Und es wurde nicht nur Jiddisch gesprochen, sondern die Stadt bereicherte die jüdische Kultur in Deutschland mit ihrem ganz eigenen jüdischen Stil.


Originaltitel:
?האָט מען אינעם אַמאָליקן האַמבורג גערעדט ייִדיש

Autoren:
Inge Mandos, Renate Gültzow og Marcel Seidel

Übersetzer:
F. Gabel


Inge Mandos, Renate Gültzow und Marcel Seidel sind Mitglieder der Salomo-Birnbaum-Gesellschaft für Jiddisch. Die Gesellschaft vermittelt einem breiten Publikum die jiddische Sprache und Kultur, u. a. durch Vorträge, Sprachkurse, Workshops und diverse Publikationen.

Früherer Sitz des ostjüdischen Vereins “Adas Jeschorim“ in Hamburgs Kielortallee 13.
Foto: Inge Mandos / Salomo-Birnbaum-Gesellschaft für Jiddisch