Entspannende Sommerlektüre und Franz Kafka? Klingt im ersten Moment nach einem Widerspruch. Schließlich ist Kafka für seine albtraumhaften und befremdlichen Schilderungen bekannt. Die Verwandlung, Ein Landarzt oder Der Prozess sind Meisterwerke der Weltliteratur, die eine spannende und aufregende, aber eben auch eine aufwühlende und beunruhigende Lektüre garantieren — kein entspannendes Leseerlebnis also, sondern ein kafkaeskes.

Und doch gibt es eine Möglichkeit, ein paar entspannte sommerliche Lesestunden mit dem großen Verfasser aus Prag zu verbringen. Der katalanische Autor Jordi Sierra i Fabra hat in seinem Buch Kafka and the travelling doll eine rührende Episode aus Kafkas letztem Lebensjahr aufgeschrieben: die Begegnung zwischen Franz Kafka und einem verzweifelten kleinen Mädchen im Berliner Stadtpark Steglitz. 

Als die beiden einander zum ersten Mal begegnen, hat das Mädchen gerade ihre geliebte Puppe verloren und ist untröstlich. Um sie zu beruhigen, erzählt Kafka, die Puppe sei bloß auf eine Reise gegangen, er wisse das bestimmt, weil er einen Brief von ihr erhalten habe. In den folgenden drei Wochen trifft Kafka das Mädchen jeden Tag im Park und liest ihr die Briefe vor, die er von der umherreisenden Puppe des Mädchens „geschickt“ bekommen hat und die ausführliche Beschreibungen ihrer abenteuerlichen Reiseerlebnisse enthalten.

Das Buch erschien 2006 auf Spanisch (Kafka y la muñeca viajera). Ein Jahr später wurde es mit dem spanischen Kinder- und Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und in den Folgejahren in zahlreiche Sprachen übersetzt, u. a. ins Englische: Kafka and the travelling doll, mit Illustrationen von Isabel Torner.

Das Buch über Kafka und die umherreisende Puppe ist All-Age-Literatur. Jüngeren Lesern werden die Reiseerlebnisse der Puppe und Kafka in der Rolle als hilfsbereiter Postbote gefallen. Ältere Leser werden die Empathie schätzen, mit der Kafka dem Mädchen über den Verlust ihres Lieblingsspielzeugs hinweghilft. Und Kafka-Fans kommen natürlich auch auf ihre Kosten, denn die Rahmenerzählung gibt einige Einblicke in Kafkas letztes Lebensjahr und den Aufenthalt in Berlin mit seiner Verlobten Dora Diamant.

Dora Diamant war es auch, die diese wunderbare Anekdote aus dem Leben Kafkas in ihren Erinnerungen für die Nachwelt bewahrt hat. In den vergangenen Jahrzehnten wurden mehrere Versuche unternommen, das kleine Mädchen aus dem Stadtpark Steglitz und Kafkas Briefe an sie zu finden. Bislang leider erfolglos. 

Vorläufig müssen wir uns also mit Nacherzählungen dieser Episode begnügen — Kafka and the travelling doll von Jordi Sierra i Fabra ist eine besonders gut gelungene.


“Kafka and the travelling doll” (SIF Editorial, Jordi Sierra i Fabra (Autor), Isabel Torner (Illustratorin), Xavier Bartumeus (Umschlaggestaltung))

Titel: Kafka and the travelling doll 

Autor: Jordi Sierra i Fabra

Illustratorin: Isabel Torner

Originaltitel: Kafka y la muñeca viajera (Übersetzerin: Jacqueline Minett)

Verlag: SIF Editorial

Umfang: 118 Seiten

Preis: E-Book: 7,99 EUR, Taschenbuch: 11,52 EUR