Es gibt Geschichten, die eine Botschaft so einfach und so treffend vermitteln, dass Generation um Generation sie lesen und die Geschichte selbst zeitlos wird. Die Rosch-haSchana-Erzählung Oyb nisht nokh hekher (אױב נישט נאָך העכער, Wenn nicht noch höher) von Jizchok Leib Perez aus dem Jahr 1900 ist solch eine zeitlose Geschichte.

Sie handelt von einem chassidischen Rabbi und seinem selbstlosen Helfen zu Rosch haSchana. Perez erzählte sie zum ersten Mal 1899 in einem Gefängnis in Warschau, wo er festgehalten wurde, weil er vor streikenden Arbeitern eine Rede gehalten hatte. Sein Zellengenosse, der Schriftsteller Mordechai Spektor, forderte Perez auf, die Geschichte niederzuschreiben. Als Perez einige Monate später wieder auf freiem Fuß war, veröffentlichte er die Erzählung, die innerhalb kürzester Zeit sehr populär wurde.

Das ist nun 121 Jahre her, und die Geschichte ist längst ein Klassiker der jiddischen Literatur. Die Rahmenhandlung ist rasch erzählt: Jedes Jahr kurz vor Rosch haSchana verschwindet der Rebbe des kleinen Schtetl Nemirow. Keiner weiß, wo er hingeht, aber da dieses unerklärliche Verschwinden immer in die Tage vor Rosch haSchana fällt, glauben die Chassidim im Schtetl, dass der Rebbe in den Himmel fährt, um Gott um Vergebung für ihre Sünden zu bitten. In einem Jahr, als die Hohen Feiertage wieder vor der Türe stehen, kommt ein Litwak nach Nemirow. Die Litauer waren zu jener Zeit bekannt als sehr rationelle Talmudisten. Der zugereiste Litwak glaubt natürlich nicht an die Geschichte von der alljährlichen Himmelreise des Nemirower Rebben. Er folgt ihm heimlich, um herauszufinden, wohin der Rebbe tatsächlich geht. Der Litwak wird Zeuge von den guten Taten des Rebben und ihm wird klar, dass dieser durch seine Hilfsbereitschaft etwas bewirkt, das ihn in himmlische Sphären aufsteigen lässt — wenn nicht sogar noch höher.

„Wenn nicht noch höher“ ist eine Erzählung über die Wichtigkeit, Menschen in Not zu helfen und gute Taten zu verrichten, es ist eine Erzählung über das Verhältnis zwischen  Gefühl und Verstand, zwischen Chassidim und Mitnagdim. Nicht zuletzt ist es auch eine Erzählung über das Zusammenspiel religiöser Rituale und alltäglicher Herausforderungen.

121 Jahre nach der Erstveröffentlichung von Oyb nisht nokh hekher gibt es zahlreiche Nacherzählungen und Bearbeitungen. Wer diesen Klassiker der jiddischen Literatur lesen bzw. hören möchte, kann sich von der nachstehenden Liste mit Links zum Text in verschiedenen Sprachen bzw. zu verschiedenen Vertonungen inspirieren lassen: 

Originaltext auf Jiddisch (אױב נישט נאָך העכער, und Übersetzung ins Englische von Eli Katz),

• Übersetzung ins Deutsche: Wenn nicht noch höher! (veröffentlicht im September 2013 auf der Website der Jüdischen Allgemeine)

Hörbuch auf Jiddisch (אױב נישט נאָך העכער, gelesen von Sara Blacher-Retter)

Hörbuch auf EnglischIf Not Higher, gelesen von Isaiah Sheffer,

Kantate von Maurice Rauch (Libretto auf Jiddisch von Itsik Goldberg),

• und last, but not least, die englischsprachige Nacherzählung für Kinder Even Higher — A Rosh Hashanah Story by I. L. Peretz von Eric A. Kimmel, illustriert von Jill Weber.


Viel Freude beim Lesen und/oder Hören, und: 

A gut un zis nay yor!