Ein Diebstahl in einem Bethaus auf dem Land — und das am höchsten aller Feiertage. Der Bestohlene ist ein Handelsreisender, und die gesamte Dorfgemeinschaft steht unter Verdacht.

Die Rahmenhandlung klingt fast nach einer Folge aus der Kriminalserie “Pater Brown”.

Aber die Geschichte, um die es hier geht, ist keinesfalls ein Krimi. Es handelt sich um eine jiddische Kurzgeschichte aus dem Jahr 1902, in der die Themen Vorverurteilung, Heiligkeit und Scheinheiligkeit zentral stehen. Es geht um Fragen der Schuld und Unschuld — Fragen, die jeder Leser für sich selbst beantworten muss.

Der Verfasser dieser meisterhaften Kurzgeschichte ist kein geringerer als Scholem Alejchem. Der Originaltitel lautet Oysgetreyslt, was man mit “ausgeschüttelt” übersetzen könnte: Alles soll zum Vorschein kommen, nichts im Verborgenen bleiben.

In den englischen Übersetzungen wurde daraus The Search und Yom Kippur Scandal.

Es lohnt sich wirklich, sich ein Viertelstündchen Zeit zu nehmen, und diese ausgezeichnete Geschichte des großen Meisters der jiddischen Literatur zu lesen bzw. zu hören.

Den jiddischen Originaltext findet man auf yiddishbookcenter.com (Ale Verk, S. 148) oder auf der Website der International Association of Yiddish Clubs. Auf der letztgenannten Site liegt auch eine englische Übersetzung bereit (A Yom Kippur Scandal).

Wer sich die Geschichte lieber vorlesen lassen möchte, kann sich hier die Geschichte auf Jiddisch anhören (אױסגעטרײסלט), oder hier auf Englisch (The Search).

Viel Spaß und gut yontef!


Link zum Foto auf Wikimedia Commons: Sholem Aleichem.jpg